Das Meer im Dachstock


Das Meer im Dachstock, Lyrik und Kurzprosa, pendo-verlag, Zürich 1995, 96 Seiten.

Die fernsten Städte
liegen innen
unerreichbar nah

kein Gedankenblitz
fährt hin


Das Ziel
entwertet
den Wunsch
gelöchert
am Ende
die Fahrkarte
Leben


Da ziehen die Tiere
von Altamira
durch mein Fenster
Wisent Hirsch und Pferd
in flockigem Grau –
sie werfen
aus lichter Kuppel
die Speere
auf uns

Rezensionen

Die Sehnsucht im Kopf erschafft sich das Bild vom Meer im Dachstock. Irène Bourquin entfaltet es in ihrer neuen Lyrik- und Kurzprosasammlung. Ferne und Weite holt sie heran und weiss doch schliesslich: «Die fernsten Städte / liegen innen / unerreichbar nah / / kein Gedankenblitz / fährt hin». In solch poetischer Paradoxie richten sich die knappen lyrischen Notizen ein, und selbst wenn die Prosaaufzeichnungen einen längeren Atem entwickeln und oftmals zu grosser Gebärde ausholen, so bewahren sie den magischen Zauber. Dabei sind die Themen so zeitlos wie zeitbewusst [ … ] Irène Bourquin verschliesst sich gegenüber strikten Deutungen, traut dagegen der behutsamen Spur; so entstehen stille, aber präzise Texte.

B. En. in: NZZ, 10./11. 2. 1996

Wahrnehmungen, die sich den meisten entziehen, gehen in diese Texte ein und erschaffen ein stilles Leben: Etwa ein Augenblick am Teich, wo das Spiegellicht im Schilf zittert und die Libellen ihr Leben vertanzen, kann die Autorin zu feinnervigen Impressionen verführen. Sie sprechen behutsam die Sinne an und sprengen zugleich die Grenzen zwischen Realität und Traumwirklichkeit. Wind und Mondeis, Tiere und Wälder, Schnee und Hügel schieben sich vor das Auge der Betrachterin, die mit sparsamen Worten ihre lyrische Silhouette umreisst. [ … ]
Schön sind diese Textgebilde, von jener schmerzlichen Schönheit bisweilen, auf deren Grund die Wehmut wohnt. Manchmal decken sie Trauer über die Vergänglichkeit all dessen auf, was lockt und verzaubert. [ … ] Gleichzeitig aber entwirft Irène Bourquin Bilder für die Sehnsucht, wie jenes unbändige vom Meer im Dachstock, das ihrer Textsammlung auch den Titel mitgegeben hat. Es steht einem Prosastück voran, das in der Abfolge der Sätze von Musikalität zeugt und beim Leser eine mitreissende Wirkung erzielt, weil es wie ein Sog vorantreibt. Andere Prosastücke wiederum verraten den Sinn der Autorin für Ironie.

Beatrice Eichmann-Leutenegger in: Der kleine Bund, 9. 3. 1996