Im Nachtwind


Im Nachtwind – Siebenundfünfzig gestochen scharfe Erzählungen, Waldgut Verlag, Reihe lektur, Band 23, Frauenfeld 2009, 104 Seiten, Umschlag Handpressendruck Atelier Bodoni, Inhalt Digitaldruck.

Nachtwind Titelseite

Die neuen Erzählungen von Irène Bourquin sind eine interessante Sache: Für «lyrische Prosa» sind sie zu real gebaut, für «Short stories» ist zu viel Poesie drin, für den herkömmlichen Begriff «Erzählungen» sind sie zu knapp und vielschichtig. Was ist es also? Von allem ein geglückter Mix.
Diese Texte bieten stille, vordergründig ruhige Bilder, doppelbödige, explosive Überraschungen, sympathische Liebesminiaturen, die sich in einem Blick, einer Berührung, einem Lächeln erklären, kleine Gesten und Ereignisse im Alltag, die das Leben lebenswerter machen. Ihre Spannung beziehen die Geschichten einmal aus der Handlung, einmal liegt sie in der Sprache, einmal leuchtet sie aus exakter Beobachtung. Diese Augenblicke, Konzentrate, Einsichten, Bilder, Ereignisse haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind gestochen scharf gezeichnet, da ist kein Wort zu viel und kein Atemzug zu wenig. Für aufmerksame Leserinnen und Leser ein Fest.

Beat Brechbühl


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Textproben aus dem Zyklus «Der Milan»

Am Fluss

Sie war vorbeigegangen. Nicht achtlos. Sie hatte gelächelt. Auf einem Felsblock ein Karton mit Flusskieseln, als Glückskäfer bemalt. Das kleine Preisschild.

Sie ging flussaufwärts. Es war später Nachmittag. Am Gegenhang, über dem schattendunklen Wald, stiegen Bergpyramiden ins Licht.

Pyrosione – einer der Künstler hatte die Landschaft gespiegelt in seinem Werk: eine kleine, glatt behauene Pyramidenspitze auf locker gefügten Steinen – ein geometrischer Körper, der sich gegen unten, zum Pfad hin, allmählich auflöste in Geröll. Der sentiero per l'arte, den smaragdgrünen Fluss entlang, war verzaubert. Fantotop 2: das wasserdurchströmte Mooslabyrinth, über dem sich rundgeschliffene Flusskiesel als Mobile drehten; Spiegelscherben in den Bäumen. Occhi nell' acqua: das kleine Fernrohr, ins klare Wasser eines Baches gerichtet – elegant gebänderte Steine. Piede dei druidi: fünf schmale Stelen auf einer sanft gewellten Wiese. Tracce di un mandala: das Fragment, gepflastert ins Gras der Wegspur, glich einem Auge.

Sie blieb stehen. Sie war leichtsinnig am Glück vorbeigegangen. [ … ]

Im Wald

Eine Armlänge Abstand, immer eine Armlänge Abstand. Durch lauschige Wälder, grünes Murmeln. Wasser fällt in weichem Bogen über den Hang, zieht am Steg vorbei. Sie hört es gerne. Im Winter, sagt er, ist es hier viel wilder, die Felsen sind voll Eiszapfen. Sie kennt das, sieht eine weit höhere Felswand, mit blitzenden Stacheln gepanzert.

Die Sonne scheint nicht, es fällt kein Regen. Es fallen einige Tropfen. Es ist nicht heiss, es ist nicht kalt. Sie schlingt den blauen Pullover um die Hüften.

Sein Atem geht schwer, den Hang, die vielen hölzernen Stufen hinauf. Ihr Atem geht leicht, gerne ginge sie schneller. [ … ]

Die Melodie

Überrascht blieb sie mitten in der Gasse stehen. Ein feiner Klang zog über das regenfeuchte Pflaster, verlor sich zwischen den farbigen Fassaden der Altstadthäuser. Eine Querflötistin – lang und schmal, wie Spielerinnen dieses Instrumentes fast immer sind – hatte sich mit Notenständer und aufgeklapptem Köfferchen unter den Arkaden eingerichtet. Die Musikantin, vogelgesichtig, mit blondem, hoch angesetztem Pferdeschwanz, blies in die Flöte – eine Melodie, eine wohlbekannte, vertraute Melodie –

Während die Melodie in ihrem Kopf, in ihrer Erinnerung, der Musik immer etwas vorausflog, trat die Passantin hinter eine Säule, um in der überfüllten Hirtentasche zu wühlen, das Portemonnaie hervorzuklauben. In diesem Augenblick unterbrach die Querflötistin ihr Spiel und rief energisch aus: «He, Leute, hier macht jemand Musik!»
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Glas

Geduckt, als ob sie fröre, lag die kleine Stadt am grauen Fjord, auf einer Landzunge unter steilen Berghängen. Die langgezogenen flachen Dächer, hellblau und rot, in weissen Nebelschleiern. Massig gestreut die klumpigen Bauten am Hafen, von dem ein Damm ins Meer hinauslief. – Es war ein früher Nachmittag im August.

Das Auto, weiss unter dem braunen Dreck der Schotterstrassen, rollte in den einstigen Handelsplatz am Harpunenfjord. Rollte, auf der Suche nach den ältesten Häusern der Insel, durchs Zentrum, geriet in eine stille Gasse, fand einen Parkplatz.

Beim Aussteigen bemerkte sie das Schaufenster: gläserne Sterne, sechsstrahlig, rot, blau, gelb; elegant gewellte Eiszapfen, fast einen Meter lang. [ … ]

Textproben aus dem Zyklus «La nonna»

Auf der Terrasse

Sono un uomo innamorato da morire stöhnte es in weichen Klängen: Radio Zeta, Schnulzen rund um die Uhr, rührende Geschichten von schüchternen Männern, brennend come un fuoco, aber unfähig, der Angebeteten ihre Liebe zu gestehen; ein marito, der die Trinkkumpane stehen und sitzen lässt, weil zu Hause Mariiia wartet; Beschwörungen ehelicher Liebe und Treue über die Jahrzehnte hinweg; idyllisches gemeinsames Ergrauen. Radio Zeta: la radio di famiglia bemühte sich, die Scheidungsstatistik zu korrigieren. Hin und wieder sang eine Frauenstimme: Perdono, perdono, perdono …
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Im Himmelsgarten

Der Schlüssel trug einen azurblauen Plastikring und war mit dem gezähnten Bart nach oben ins Schloss des verschnörkelten Torgitters zu stecken. Eine halbe Drehung, ein leises Knacken: Die Pforte zum Himmelsgarten tat sich auf.

Am Weg zur tönernen Stele mit den Mondgesichtern, die über Eck lächelten, ragten riesige Lebensbäume in die weiche, südliche Luft. Fächerpalmen liessen ihre geschlitzten Blätter in der sanften Brise sirren. Weisse Magnolienblüten leuchteten aus dunklem Laub. Blumen spiegelten den Regenbogen.

Gebannt von der stillen Pracht, stand die Besucherin auf dem Plattenweg, als ein dumpfes Knurren erklang. Um die Ecke einer Buchsbaumhecke trabte ein schwarzweisser Hund, der sie finster anstarrte. Sie liess ihn näher kommen, Witterung nehmen, redete ihm ruhig zu. Der Hund knurrte misstrauisch.
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Die Heulboje

Das Personal des Einkaufszentrums erstarrte, die Nerven zum Zerreissen gespannt: Er war wieder da. Dreijährig, robust gebaut, energische Waden, blaue Augen im rundflachen Gesicht, Strohstoppeln. In Begleitung der mamma und zweier älterer fratelli strebte er der Lebensmittelabteilung entgegen, den endlos langen Kühlwänden. Milch wollte er kaufen, viel Milch. Sehr viel Milch. Die Familie liess ihn agieren, lobte seinen Eifer – und stoppte ihn nach dem dritten Liter.

Er protestierte heftig: Sein schrilles Kreischen liess alles erzittern, schnitt die Luft in splittrige Scheiben, zersägte die Nerven der Umstehenden, die verzweifelt ihre Ohren zu schützen versuchten, indem sie die Plastikfinger der zum Abwägen von Gemüse obligatorischen Handschuhe hineinstopften. Hastige Fluchtbewegungen setzten ein, Rennen und Rollen quer durch die Abteilung.
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Rezensionen

Ein Paar geht nebeneinander her, er die Hände hinter dem Rücken, sie die Arme vor der Brust verschränkt, so dass Nähe und Distanz zugleich aufkommen. An dieses Muster einer «Armlänge Abstand» halten sich die kurzen Prosaskizzen von Irène Bourquin. Als Erzählerin versetzt sie sich in den Stand der etwas entfernten Beobachterin, aber gleichwohl erspäht sie jedes Detail und rückt nah an Dinge und Figuren heran. In ihr eng gespanntes Blickfeld gerät meist der Einzelne, welcher sich in einem delikaten Zusammenspiel mit anderen befindet. Die Autorin fängt dabei Augenblicke von leichtem Gewicht ein, kaum der Rede wert, aber diese Momente laden sich unmerklich auf, die Vibrationen steigern sich, und am Ende steht oft ein prägnanter, manchmal paradox zugespitzter Satz, der nach weiteren Geschichten ruft. [ … ]

Beatrice Eichmann-Leutenegger in: NZZ, 5. 11. 2009

Die Stärken von Bourquins Literatur sind leicht zu benennen. Zum einen ist da ein ausserordentlich bewusster Umgang mit der Sprache. Die Beschreibungen sind im Detail präzise, die Sätze sind rhythmisch genau ausgehört, und in vielen Passagen ist das Klangliche bestimmend. Diese Prosa transportiert nicht nur Inhalte, nicht nur Handlungen, sondern ist im Spiel mit dem Wechsel besonders der Vokale auch akustisch bestimmt. Es geht Bourquin um Schönheit, und deshalb vermeidet sie auch psychologische Reflexionen, die Jämmerliches zutage fördern könnten. Das Widerspruchsvolle von Verhaltensweisen ist nicht zergliedert, sondern zeigt sich im Äusserlichen, im Sichtbaren.

Kai Köhler in: Schweizer Monatshefte, Ausgabe 974, Dezember 2009

Irène Bourquin liebt die knappe Form in ihren 57 gestochen scharfen Erzählungen «Im Nachtwind». Bourquin pflegt einen bewussten Umgang mit der Sprache, sie beobachtet und beschreibt präzis, schöpft aus dem Alltäglichen und verwandelt es in eine ganz besondere Erfahrung. Im Zyklus «La Nonna» verarbeitet die Autorin südliche Erfahrungen, verfremdet und behandelt sie aber sprachlich so, dass sie nicht zu Reisenotizen, sondern zu Literatur werden.

Richard Butz in: Saiten – Ostschweizer Kulturmagazin, Januar 2010

Gleichsam zwischen Gedicht und Prosa stehen Irène Bourquins Texte aus dem 2009 erschienenen Buch «Im Nachtwind». «Siebenundfünfzig gestochen scharfe Erzählungen» verspricht der Untertitel, und tatsächlich sind die Kürzestgeschichten geprägt vom Herausschälen eines Moments, eines Details, das in wenigen Sätzen skizziert wird. Diese Form macht es möglich, dass jeder Text seinen eigenen Ton erhält. So stehen in einigen Texten Klang und Rhythmus im Vordergrund, andere wie «Im Rückspiegel» und «La nonna» zeigen, wie, ich verwende einen Begriff der Autorin, ein «Kurzgeschichten-Konzentrat» funktionieren kann.

Carolina Schutti, Innsbrucker Wochenendgespräche 2010