Im Auge des Taifuns


Im Auge des Taifuns, Lyrik, pendo-verlag, Zürich 1992, 96 Seiten.

Spaltbreit offen
die Tür
zur wahren Wirklichkeit

die Feder hab ich
hineingeklemmt


Jeden Tag
springe ich
über meinen Schatten

und abends
wächst er mir nach


Nomadenschatten
schräg
Mann Kind Frau
zwischen den Zeiten
noch immer
wohin


Kondensstreifen
kreuzen die Klingen

erobert
der Himmel

leergefegt


Schreiben
heisst Schreien
für alle
die stumm sind
und ohne Macht

die Pflanzen
die Tiere
die Kinder
die Greise
die Kranken

für alle Verfolgten
für unser
besseres
Selbst

Rezensionen

Irène Bourquin schreibt mit grosser Aufmerksamkeit und Sensibilität. Ihre Bilder setzt sie sparsam, genau und assoziationsreich. Wenn etwa ihr lyrisches Ich «Insel und Meer» sein will, so ist damit alle Widersprüchlichkeit erfasst, die sich aus dem Wunsch nach Abgeschiedenheit und der Sehnsucht nach Verschmelzung nährt. Die Gedichte in ihrer intelligenten Ökonomie führen in eine meditative Leere – nicht umsonst kreist die Bildsprache immer wieder um die Imaginationen der Wüste –, die den Leser zum Mit- und Weiterlesen anregt. Die Leerräume zwischen den Zeilen sind erfüllte Pausen, nicht bloss Launen eines Arrangeurs von Satzpartikeln. So weist sich Irène Bourquin als eine Autorin aus, die bei allem Wissen um die Vergeblichkeit vieler Sätze doch ein Urvertrauen ins einzelne Wort bewahrt hat. Und auf diesem Nährboden erst ist auch eine scheinbar so altmodische Aktivität wie das Staunen möglich, das manche dieser Gedichte beflügelt.

Beatrice Eichmann–Leutenegger in: NZZ, 15. 1. 1993

Aus den Versen, welche Irène Bourquin schreibt, dringt Zeile für Zeile nichts anderes als Aufrichtigkeit, Anteilnahme und Aufmerken nach allen Seiten, Mitleiden und Freude – und immer wieder ein sehr geheimnisvolles, durch und durch originales, zuweilen höchst privates und reizvoll irritierendes Können, Wissen, Fühlen, Formulieren (Lyrik eben, ganz eigene!). Bei einem solchen Vierzeiler hält der empfindliche Leser doch automatisch inne; er will ihn «verstehen», begreifen, liest ihn ein zweites und viertes Mal, ahnt er doch mehr als Zufälliges, Originelles oder gar Launiges dahinter: «Langsam / wächst mir / die Seele / über den Kopf» liest er und merkt, dass das nicht nur eine Bourquinsche Empfindung und Erfahrung sein kann; die Aussage, über die man getrost ein «Seminar» veranstalten könnte, ist sozusagen gültig, sticht ins Existentielle.

Dieter Fringeli in: Der Landbote, 21. 10. 1992

«Traum», auch ein Wort, das in dieser Lyrik unvermeidlich ist. Führen doch die Gedanken in fast allen Gedichten über eine äusserst sensible Imagination zu jener Stille und an jenen Ort, wo der poetische Vorrat über Grenzen hinaus zu neuen Ufern gelangen kann: «Lauschend / dem Rauschen / der Zeit / Insel sein / und Meer».

Hannes Schmid in: Aargauer Tagblatt, 23. 10. 1993

Das Bestimmende für eine Lyrik aus der ruhigen Mitte des Bewegten heraus ist das Bei-Sich-Sein. Bourquins Lyrik lässt Distanz, sie gibt die Freiheit, darin zu sein oder draussen zu bleiben. Es sind Texte von lyrischer Intellektualität. Damit sind Pathos und heiliger Ernst ausgeschlossen. An ihrer Stelle stehen Traurigkeit und Witz: eine strenge Leichtigkeit, eine melancholische Munterkeit. [ … ]
Der Gedichtband ist nach einer dieser Lyrik entsprechenden Logik geordnet. Die ersten Gedichte beschäftigen sich mit dem Schreiben als Vorgang und dem Daseinsgefühl der Schreibenden. Dann erweitert sich die Thematik, ein Du wird angesprochen, das eigene Kind, der Mann, der Liebende oder der andere. Es entsteht ein Ihr, ein Wir, die nun auch die Umwelt mit hineinbringen. Die Natur ist nicht mehr nur eine Metaphernspenderin des lyrischen Ichs wie eingangs des Buches, sie ist nun die reale, die geschädigte Natur, in der wir alle leben. Schreiben ist nun auch nicht mehr nur innerer Drang und Selbstzweck. Schreiben wird zum Kampf für alle, für andere, es wird zum sozialen Handeln.

Margrit Stickelberger in: Schaffhauser Nachrichten, 27. 3. 1993

Wo die Metapher ausnahmsweise fehlt, kann das Gedicht zum blossen, in Verszeilen unterteilten Aphorismus werden: «Fixiert / auf Bewältigung / der Vergangenheit / verraten wir / die Zukunft» – eine höchst wichtige, leider selten ausgesprochene Erkenntnis. Indem Irène Bourquin sie ausspricht, meint sie doch wohl, dem Übel sei abzuhelfen.

Robert Mächler in: Badener Tagblatt, 1. 5. 1993