Türkismäander


Türkismäander, Gedichte: Island · Irland · Bretagne, Waldgut Verlag, Reihe lektur, Band 30, Frauenfeld 2011, 104 Seiten, Umschlag Handpressendruck Atelier Bodoni, Inhalt Digitaldruck.

Türkismäander Titelseite

Mit den neuen Gedichten aus Island, Irland und der Bretagne öffnet Irène Bourquin weitere Fenster zu ihren Welten. Durch diese können wir selbst zu unseren eigenen Traum-Inseln reisen. Die intensiven Sprachbilder aus Farben, Klängen, Wetter, die lebendige Nähe zur Natur und der Atem des Wassers verändern die Gewohnheiten unserer Sinne, und wir empfinden die Traum-Inseln plötzlich als Wirklichkeiten durch Sprache. Und wer sie schon kennt, erfährt hier Wieder-Erleben, Wiedersehen, Bestätigungen und neue Sichtweisen.

Beat Brechbühl


Island

Graugrün friert das Meer

demütig
knien die Bäume im Sturm

taumeln die Möwen
diagonal

rollt über Asphalt
schepperndes Blech


Silberstreifen
im Grautürkis
Regenschleier
leuchtend
über dem Meer
Lavabrocken schwarz
auf rotgelben Sand
gestreut
Moosgärten blühen
handtellergross

Bretagne

Smaragdwald
herzblättrig
umranken Legenden
die Stämme
Hirschzunge
leckt das Bein
Brandung
streichelt das Ohr
Farnhand fächelt
die Brise dir zu


Im Rhythmus der Gezeiten
freigelegt
die Eingeweide des Meeres

durch Seegraswiesen
mit pickenden Möwen
mäandert die Ebbe

Muschelkies der Strand
es scherbelt
klirrend unter dem Tritt


Rezensionen

Mit klarem Pinselstrich geschrieben

Reduktion ist ihre besondere Stärke. [ … ] Bourquins Reduktion beschränkt sich indes nicht auf formale Kriterien, denn das lateinische reducere bedeutet tatsächlich nicht nur «zurückführen», sondern auch: «wieder einsetzen», «ins Gedächtnis zurückrufen». Und genau dies sind Bourquins Gedichte, die auf ihren Reisen durch Island, Irland und die Bretagne entstanden: Besinnung aufs Wesentliche, Wiedereinsetzung des Elementaren, Skizzen bleibender Eindrücke.

In ihrem meditativen Gestus erinnern einzelne Strophen nicht von ungefähr an japanische Haiku oder Tanka: «Im Heckengeflecht / wogender Hügel / Schafgestöber / weisse Flecken / schwarz maskiert». Das schreibende Subjekt ist zurückgenommen bis zur Abwesenheit. Da ist nichts rein symbolisch vergegenwärtigt, nichts kommentiert oder durchgrübelt, im Gegenteil: Bourquin schält sinnlichste Konturen aus den Momentaufnahmen von Landschaften oder Naturszenen, wobei sie die Farben und Dinge zur luftleichten Masse verdichtet.

Der Augensinn ist der wichtigste: Farbadjektive fungieren als Leitmotive und tauchen alles in einen berauschend bunten Wirbel: schattengrün, lavasandschwarz, kaltblau, bleihell tritt die Natur aus den Buchseiten hervor. Plötzlich ist die vermeintlich karge, steinige Landschaft Islands nicht öde, sondern vielgliedrig funkelnd, physisch geradezu spürbar. Aufgrund der Kürze und Reduktion blitzen die Umrisse umso schärfer auf, wie Mitschriften eines Blicks, adamitische Benennungen [ … ]

Irène Bourquin versteht es meisterlich, kalligraphischen Schwung ins Gedicht zu bringen, das hat Limitationen zur Folge, öffnet aber gleichzeitig den Text für die weiten Räume der Imagination. [ … ]

Jürgen Brôcan auf: www.fixpoetry.com, 13. 11. 2011

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